Berlin (Reuters) – Trotz sinkender Reallöhne infolge der hohen Inflation hat sich die Zahl der Arbeitskämpfe in Deutschland einer Studie zufolge im vergangenen Jahr kaum erhöht.
Insgesamt seien 225 Arbeitskämpfe geführt worden, an denen 930.000 Streikende teilgenommen hätten und rechnerisch 674.000 Arbeitstage ausgefallen seien, wie das gewerkschaftsnahe Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung am Donnerstag mitteilte.
Das entspreche auf längere Sicht einem “mittleren Niveau”. Zum Vergleich: 2021 waren es 221 Arbeitskämpfe mit 909.000 Streikenden und 596.000 Ausfalltagen. Für das laufende Jahr deuten allerdings bereits in den ersten Monaten hohe Warnstreikbeteiligungen bei Post, Bahn und Öffentlichem Dienst darauf hin, dass das Arbeitskampfvolumen “erheblich zunehmen könnte”.
“Streiks sind in Deutschland nicht nur ein demokratisches Grundrecht der Beschäftigten, sondern auch ein normales Instrument der Konfliktregulierung, ohne das die Tarifautonomie nicht funktionieren würde”, sagte der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Thorsten Schulten.
In der internationalen Streikstatistik, bei der die arbeitskampfbedingten Ausfalltage pro 1000 Beschäftigte miteinander verglichen werden, liege Deutschland weiter im unteren Mittelfeld. Dem WSI zufolge fielen hierzulande zwischen 2012 und 2021 im Jahresschnitt rechnerisch pro 1000 Beschäftigte gut 18 Arbeitstage aus.
Insgesamt falle auf, dass das relative Arbeitskampfvolumen über die Länder hinweg sehr stark variiere. Das höchste Niveau hat demnach Belgien wo knapp 96 Ausfalltage pro 1000 Beschäftigte zu verzeichnen waren.
Auch Frankreich und Kanada gelten als sehr streikfreudig. Nach dem Trio folgt ein oberes Mittelfeld, das neben Spanien die drei nordischen Länder Dänemark, Finnland und Norwegen umfasst: Hier fielen jeweils rund 50 Arbeitstage pro Jahr aus.
“GESTÄRKTE VERHANDLUNGSPOSITION”
Im laufenden Jahr könnte das Arbeitskampfvolumen allerdings deutlich zunehmen.
Allein bei dem im März gemeinsam von Verdi und EVG organisierten “Mega-Streiktag” im Verkehrssektor sollen sich nach Gewerkschaftsangaben mehr als 150.000 Beschäftigte beteiligt haben. “Vor dem Hintergrund historisch hoher Inflationsraten hat sich der Verteilungskonflikt deutlich intensiviert”, sagte Tarifexperte Schulten.
“Hinzu kommt, dass der zunehmende Arbeits- und Fachkräftemangel die Verhandlungsposition der Beschäftigten stärkt und damit auch die Bereitschaft fördert, sich an Arbeitskampfmaßnahmen zu beteiligen.” Allerdings müsse das nicht zwangsläufig auf mehr Streiks hinauslaufen.
Die Anzahl der Arbeitskämpfe wurde 2022 erneut durch die hohe Zahl von Tarifkonflikten in einzelnen Betrieben geprägt. Dagegen werden die Anzahl der Streikenden und das Arbeitskampfvolumen, das heißt die Zahl der Ausfalltage, vor allem durch die großen branchenweiten Tarifrunden bestimmt.
Die umfangreichsten Streikaktionen gab es im vergangenen Jahr im Rahmen der Tarifrunden der Metall- und Elektroindustrie. Größere Flächenauseinandersetzungen wurden bei den Uni-Kliniken in Nordrhein-Westfalen, dem Sozial- und Erziehungsdienst und bei den Seehäfen registriert.
(Bericht von Rene Wagner.
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