Novartis gibt Startschuss für milliardenschwere Sandoz-Abspaltung

(berichtigt Rechtschreibung im ersten Satz)

– von Oliver Hirt und Paul Arnold

Zürich – Der Schweizer Pharmakonzern Novartis macht Ernst mit dem vorerst letzten großen Schritt seines fast zehn Jahre dauernden Konzernumbaus: Die Generika-Tochter Sandoz soll am 4.

Oktober über ein Listing an der Schweizer Börse SIX abgespalten werden, wie der Arzneimittelhersteller aus Basel am Freitag mitteilte.

Mit einem Börsenwert von 40 Milliarden Franken dürfte Sandoz der der größte Neuzugang an der Schweizer Börse seit vielen Jahren werden.

Der Wert, der vorerst nur theoretisch ist und nach Handelsbeginn noch sinken könnte, ergibt sich aus dem Tauschverhältnis: Die Novartis-Aktionäre erhalten für je fünf bestehende Titel eine Sandoz-Aktie.

Mit der Trennung von dem vergleichsweise margenschwachen Geschäft mit Nachahmermedikamenten und Biosimilars treibt Novartis seine Ausrichtung auf den lukrativen Bereich mit patentgeschützten Arzneimitteln voran.

Gemessen am Umsatz will der Konzern fast ein Fünftel seines Geschäfts abstoßen. Ein Analyst sagte, er habe für Sandoz zuvor mit einem Wert von 16 bis 20 Milliarden Franken gerechnet. “Ich kann mir die Diskrepanz zum Wert, den Novartis veranschlagt, nicht erklären.”

Bevor Sandoz auf das Börsenparkett kann, muss Novartis allerdings noch mehrere Hürden überwinden.

Die Aktionäre müssen am 15. September auf einer außerordentlichen Generalversammlung grünes Licht für den Spin-Off geben. Zudem müssen die Behörden grünes Licht für die Börsennotierung geben.

Novartis plant neben dem Listing an der SIX auch, in den USA Hinterlegungsscheine (American Depositary Receipts, ADRs) anzubieten.

WERTVOLLSTES GENERIKA-UNTERNEHMEN

“Novartis ist zuversichtlich, dass der Spin-Off im besten Interesse aller Aktionärinnen und Aktionäre ist und einen europäischen Champion und weltweit führenden Anbieter von Generika und Biosimilars sowie eine stärker fokussierte Novartis schaffen wird”, hieß es in der Mitteilung.

2022 steigerte Sandoz den Umsatz währungsbereinigt um vier Prozent auf 9,25 Milliarden Dollar und erzielte eine bereinigte Ebitda-Marge von 20,6 Prozent. Weit lukrativer war die Hauptsparte Innovative Medicines mit 36,9 Prozent.

Sandoz stellte ihren künftigen Aktionären Anfang Juni steigende Gewinne und Dividenden in Aussicht.

Sandoz wird voraussichtlich der am höchsten bewertete reine Hersteller von Nachahmer-Medikamenten weltweit sein.

Der US-Konkurrent Viatris kommt auf eine Marktkapitalisierung von knapp 14 Milliarden Dollar, die israelische Teva – Mutter des deutschen Pharmaunternehmens Ratiopharm – auf rund zehn Milliarden Dollar.

Gemessen am Umsatz ist Teva der größte Hersteller von Arzneien mit abgelaufenem Patentschutz, gefolgt von Sandoz und Viatris.

LANGER UMBAU BEI NOVARTIS

Novartis hatte Sandoz im Oktober 2021 auf den Prüfstand gestellt.

Daraufhin hatten viele Analysten und Branchenexperten auf einen Verkauf des Geschäfts an einen Konkurrenten oder Finanzinvestoren gesetzt. Dies wurde durch den Zinsanstieg vereitelt, der die Finanzierung eines solchen Deals deutlich teurer macht.

Dazu kamen die Probleme der Generika-Branche, der der Preisdruck zusetzt. Vor einem Jahr erfolgte dann die Weichenstellung in Richtung eines Listings.

Sandoz war eine der beiden Vorgängerfirmen von Novartis.

Der Pharmariese ging im Jahr 1996 aus dem Zusammenschluss des Unternehmens mit dem Pharma- und Chemiekonzern Ciba-Geigy hervor. 2003 reaktivierte der damalige Novartis-Konzernchef Daniel Vasella die Marke Sandoz für das Generika-Geschäft des Konzerns, der mit vielen Zukäufen zu einem der am breitesten aufgestellten Gesundheitsunternehmens der Welt wurde.

2014 zog Verwaltungsratspräsident Jörg Reinhardt einen Schlussstrich unter diese Strategie.

In einem ersten Schritt stieß der ehemalige Bayer-Manager die kleinen und renditeschwachen Sparten Impfstoffe, Tiergesundheit und rezeptfreie Medikamente ab und baute im Gegenzug das hochlukrative Krebsgeschäft aus.

2019 spaltete Novartis dann das Augenheil-Unternehmen Alcon ab, das bei seinem Debüt auf 28 Milliarden Dollar Börsenwert kam.

“KRÄFTE FREISETZEN”

Trotz des Umbaus war Novartis in den vergangenen Jahren kein Börsenliebling.

Seit dem Antritt von Konzernchef Vasant Narasimhan Anfang Februar 2018 hat die Novartis-Aktie zwar gut ein Fünftel zugelegt, die europäischen Gesundheitswerte gewannen durchschnittlich aber 50 Prozent.

Analysten monierten bei Novartis überteuerte Zukäufe und Fehlschläge bei Medikamenten-Hoffnungsträgern.

“Die Abspaltung von Sandoz ist der richtige Weg für Novartis”, sagte ein Fondsmanager.

Er begrüße jede Maßnahme, die helfe, dass sich der Konzern auf patentgeschützte Wirkstoffe konzentrieren könne. Auch für Sandoz sei die Abspaltung der richtige Schritt. Sandoz müsse jetzt nicht mehr um Aufmerksamkeit kämpfen in einem großen Konzern, sondern werde zu einem Marktführer in einer Nische.

“Bei Alcon hat die Unabhängigkeit Kräfte freigesetzt”, erklärte er. “Das könnte als Blueprint für Sandoz fungieren.”

(redigiert von Myria Mildenberger. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

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