– von Andreas Rinke und Hakan Ersen
Berlin/Frankfurt, 15. Jan (Reuters) – Der weltgrößte Cloud-Anbieter Amazon Web Services (AWS) hat am Donnerstag in Potsdam ein Rechenzentrum ausschließlich für Europa in Betrieb genommen.
Die Server der neuen AWS European Sovereign Cloud seien physisch und rechtlich von den Rechnern des Mutterkonzerns getrennt.
Dadurch soll eine größere technologische Unabhängigkeit von den USA gewährleistet werden. Der Betrieb dieser Cloud ist den Angaben zufolge auch dann gesichert, wenn die Internet-Verbindungen zwischen den USA und der EU getrennt würden oder die USA den Export von Software untersagen würden.
Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) begrüßte das Projekt. Dagegen sagte der digitalpolitische Sprecher der SPD, Johannes Schätzl, mit Blick auf die Frage der Datensouveränität Deutschlands der Nachrichtenagentur Reuters: “Dies ist mit Sicherheit kein Schritt in die richtige Richtung.”
Schon die Ankündigung der Investitionen von 7,8 Milliarden Euro hatte eine Debatte um die digitale Souveränität Europas ausgelöst.
Seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump sind Befürchtungen in den Fokus gerückt, US-Behörden könnten sich Zugriff auf Daten europäischer Firmen verschaffen. Der “Cloud Act” verpflichtet US-Firmen dazu, US-Behörden auch dann Einblick zu gewähren, wenn die Informationen außerhalb der USA gespeichert werden.
Der SPD-Politiker Schätzl sieht hier trotz der Freude über die neuen Investitionen eine Gefahr bei der Nutzung von Cloud-Angeboten von US-Konzernen. “Was passiert, wenn US-Präsident Trump per Dekret sagt, ‘Ihr müsst die Cloud abschalten?'”, sagte er.
Viele ausländische Cloud-Nutzer stellen sich die Frage, ob ihre Daten bei den sogenannten Hyperscalern AWS, Google, Microsoft sicher sind. Nach Angaben des Digitalverbands Bitkom ist für fast zwei Drittel der Unternehmen bei der Auswahl ihres Cloud-Angebots mit ausschlaggebend, dass die entsprechenden Rechenzentren in Deutschland oder der EU stünden.
Entsprechend wünschten sich 82 Prozent konkurrenzfähige europäische Cloud-Angebote.
CLOUD VON EUROPÄERN FÜR EUROPÄER
Deutsche Unternehmen wollen deshalb vom Trend zu einer stärkeren digitalen Eigenständigkeit profitieren.
So rüstet die Deutsche Telekom eines ihrer Rechenzentren mit Tausenden Spezialprozessoren auf, um eine industrielle KI-Cloud anzubieten. Der Webhoster und Cloud-Anbieter Ionos bietet in Zusammenarbeit mit der deutschen Softwarefirma Nextcloud eine Alternative zur Bürosoftware Office des US-Konzerns Microsoft an.
Zudem will die Tochter von United Internet mithilfe ihrer Plattform “Momentum” heimischen Mittelständlern den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) erleichtern.
Der US-Onlinehändler Amazon betont, dass die Rechenzentren der AWS European Sovereign Cloud von einer deutschen Firma betrieben und überwacht werden.
Deren Geschäftsführung und Beirat seien mit EU-Bürgern besetzt, sagte Michael Hanisch, Technologiechef bei AWS Deutschland, in einem Reuters-Interview. Sämtliche Beschäftigten hätten mindestens einen Wohnsitz in der Europäischen Union (EU) und eine EU-Arbeitsgenehmigung.
RIESIGE INVESTITIONEN LOCKEN
Der rasant wachsende Bedarf an Rechenkapazitäten weckt Hoffnungen auf hohe Investitionen in- und ausländischer Unternehmen. Der brandenburgische Wirtschaftsminister Daniel Keller geht davon aus, dass verschiedene Unternehmen in den kommenden Jahren bis zu 30 Milliarden Euro in Rechenzentren in seinem Bundesland investieren werden.
Dem ersten Rechenzentrum der europäischen AWS Cloud in Brandenburg sollen weitere Standorte im In- und Ausland folgen, sagte AWS-Technologiechef Hanisch. Die Alphabet-Tochter Google kündigte im Herbst ebenfalls Rekordinvestitionen von 5,5 Milliarden Euro in deutsche Serverfarmen an.
Digitalminister Wildberger sagte, das AWS-Engagement “stärkt die Position Deutschlands als europäischer Knotenpunkt für digitale Infrastruktur und sendet ein klares Signal für die Attraktivität unseres Landes für zukunftsweisende Investitionen”.
Digitale Souveränität bedeute keine Abschottung, sondern “echte Wahlmöglichkeiten”. Europa müsse stärker vom Kunden zum Mitentwickler werden.
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) betonte, dass man AWS beim Aufbau der europäischen Cloud unterstütze.
Erstens müssten der europäische Markt und die hiesige Digitalindustrie gestärkt werden, sagte BSI-Präsidentin Claudia Plattner. Zweitens müssten außereuropäische globale Produkte “so angepasst und eingebettet werden, dass eine sichere und selbstbestimmte Nutzung möglich wird”.
(Redigiert von Olaf Brenner. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)









