(Präzisiert VDA-Forderung im 6. Absatz: Anpassung des Emissionsziels bis 2035 auf minus 90 Prozent, statt der bislang angepeilten 100 Prozent weniger CO2-Emissionen)
– von Ilona Wissenbach und Christina Amann
München (Reuters) – Bundeskanzler Friedrich Merz hat der Autoindustrie beim Ringen um eine Kurskorrektur in der Europäischen Union auf dem Weg zum klimafreundlichen Auto den Rücken gestärkt.
“Wir halten am Umstieg auf Elektromobilität grundsätzlich natürlich fest, aber wir brauchen mehr Flexibilität in der Regulierung”, sagte Merz am Dienstag zur Eröffnung der Automesse IAA Mobility in München.
Er sprach sich für Technologieoffenheit und gegen eine “einseitige politische Festlegung auf bestimmte Technologien”, also das batterieelektrische Auto, aus. VDA-Präsidentin Hildegard Müller forderte die Politik auf, die derzeit kriselnde Branche mit flexibleren Vorschriften und Reformen zu unterstützen.
“Es braucht eine Kurskorrektur, es braucht einen Realitätscheck”, forderte Müller mit Blick auf den für Freitag geplanten dritten Strategiedialog der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit der Autoindustrie in Brüssel.
Die Lage der Branche sei heute viel schwieriger als vor sechs Jahren, als die Vorgaben der EU verabschiedet wurden. “Wenn die Autoindustrie hierzulande auch in Zukunft eine Erfolgsgeschichte für Wohlstand, Wachstum, Beschäftigung – für die Menschen und für das Klima – sein soll, dann muss die Politik in Berlin und Brüssel jetzt endlich liefern.”
Die Branche steht derzeit unter großem Druck: Die Gewinne der Konzerne brachen zuletzt ein, weil die US-Importzölle belasten.
Zudem verlieren BMW, Volkswagen oder Mercedes-Benz in China bei hartem Preiskampf gegen die heimische Konkurrenz Marktanteile. Bei Herstellern und Zulieferern werden Tausende Arbeitsplätze in Deutschland abgebaut.
Einer im “Handelsblatt” veröffentlichten Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) zufolge fielen seit 2019 bereits 55.000 Arbeitsplätze weg, bis 2030 könnten weitere 90.000 Stellen gestrichen werden.
ELEKTROAUTOABSATZ NICHT SO STARK WIE URSPRÜNGLICH ERWARTET
Die Autoindustrie bekennt sich zwar zum Klimaschutz und investiert massiv in neue Elektroautos, mit denen sie auf der Automesse IAA in München das breite Publikum gewinnen will.
Doch die Kunden zögern mit dem Kauf, der Absatz der Stromer steigt nicht so schnell wie ursprünglich gedacht. Um die CO2-Vorgaben der Europäischen Union zu erreichen, ist ein deutlich höherer Elektroauto-Anteil nötig – andernfalls drohen hohe Bußgelder.
Ob das faktische Verbrennerverbot 2035, das die EU nach jetzigem Stand verhängen würde, ersatzlos gestrichen wird oder nur mehr Zeit gewonnen werden soll, ist unterdessen auch in der Autoindustrie umstritten.
Nach Einschätzung einiger Manager werden sich Kunden von selbst für klimafreundlichere Alternativen entscheiden, wenn die Treibstoffpreise wegen des Emissionshandels in den kommenden Jahren steigen.
Andere verweisen darauf, dass die Diskussion über verschiedene Antriebstechnologien viele potenzielle Käufer verunsichert und damit von Käufen abhält.
Der VDA fordert schon länger bessere Rahmenbedingungen, wie etwa niedrigere Steuern und Energiepreise sowie weniger Bürokratie, um im internationalen Konkurrenzkampf nicht unter die Räder zu kommen.
Zudem spricht sich der Verband dafür aus, das Emissionsziel für Autos und leichte Nutzfahrzeuge bis 2035 auf minus 90 Prozent anzupassen, statt der bislang angepeilten 100 Prozent weniger CO2-Emissionen.
“Es muss Ziel sein, dass sich unser Standort in den zahlreichen Rankings zur Wettbewerbsfähigkeit wieder an die Spitze zurückarbeitet”, betonte Müller.
Merz lobte die Branche für ihre Anstrengungen und Innovationskraft.
“Die Unternehmen auf der Messe zeigen, wie Elektromobilität noch leistungsfähiger, vielfältiger und attraktiver wird.” Deutschland habe die besten Voraussetzungen, um auch in Zukunft Autoland Nummer eins zu bleiben.
“Deutschland braucht insgesamt wieder ein klares Bekenntnis zum Auto”, betonte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder. Das EU-Verbrennerverbot müsse gestoppt werden, während die Elektromobilität und autonomes Fahren technologisch vorangetrieben werden müssten.
IAA BLEIBT BIS 2031 IN MÜNCHEN
IAA-Gastgeberin Müller und Oberbürgermeister Dieter Reiter kündigten an, dass die IAA weitere drei Mal bis 2031 in München abgehalten werde.
Mit fast 750 Ausstellern aus 37 Ländern findet sie in diesem Jahr mehr Zulauf vom Fachpublikum, das sich auf dem Messegelände präsentiert und austauschen kann. Verteilt über die Innenstadt können Interessierte ohne Eintritt die Neuheiten erkunden oder neueste Technologie wie autonomes Fahren ausprobieren.
(Bericht von Ilona Wissenbach, redigiert von Philipp Krach.
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