Arbeitsmarkt trotz Winter-Rezession robust

Nürnberg/Berlin (Reuters) – Der deutsche Arbeitsmarkt zeigt sich trotz der jüngsten Talfahrt der Wirtschaft robust.

Die Zahl der Arbeitslosen sank im Zuge der Frühjahrsbelebung im Mai um 42.000 im Vergleich zum Vormonat auf 2,544 Millionen, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Mittwoch mitteilte.

Die Arbeitslosenquote ging von 5,7 auf 5,5 Prozent zurück. Das Wachstum der Beschäftigung halte weiter an, verliere jedoch an Schwung, erläuterte BA-Vorstandsmitglied Daniel Terzenbach in Nürnberg.

Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung nahmen demnach zwar ab, für einen Mai aber weniger als üblich: “Trotz schwacher Konjunktur ist der Arbeitsmarkt insgesamt beständig”, so sein Fazit.

Die deutsche Wirtschaft ist zu Jahresbeginn in eine Rezession gerutscht, weil die Verbraucher wegen sinkender Kaufkraft infolge der hohen Inflation weniger konsumierten.

Viele Ökonomen gehen mittlerweile davon aus, dass Europas größte Volkswirtschaft auch im Gesamtjahr 2023 schrumpfen könnte. Am Arbeitsmarkt hinterlässt die schwache Wirtschaft bereits ihre Spuren: “Die Arbeitslosen, die wir betreuen, finden aktuell schwieriger einen Job”, sagte das BA-Vorstandsmitglied.

Um jahreszeitliche Schwankungen bereinigt stieg die Erwerbslosenzahl laut der Nürnberger Bundesagentur im Monatsvergleich um 9000. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten hier mit einer deutlicheren Zunahme um 15.000 gerechnet.

Im Mai waren 767.000 Arbeitsstellen bei der BA gemeldet, 98.000 weniger als vor einem Jahr.

Die gemeldete Arbeitskräftenachfrage geht laut BA saisonbereinigt seit mittlerweile einem Jahr stetig zurück. Insgesamt liegt der Bestand an gemeldeten Stellen aber noch auf vergleichsweise hohem Niveau.

Es zeigt sich laut BA auch weiterhin eine Entkoppelung der Entwicklung von Konjunktur und Arbeitsmarkt.

Man könne sich den Jobmarkt wie eine Burg vorstellen, erläuterte Terzenbach vor der Presse: “Die Burgmauern sind zurzeit höher. Wenn man außen ist, kommt man schlechter rein. Aber die Beschäftigung, wenn man drin ist, ist weiter stabil.” Das vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) entwickelte Barometer signalisiert auch eine positive Entwicklung des Jobmarkts für die nächsten Monate.

“WIRTSCHAFT FINDET NICHT AUS TALSOHLE HERAUS”

Die Chancen für eine schnelle Erholung der hiesigen Wirtschaft von der Rezession haben dem Berliner DIW-Institut zufolge im Mai allerdings einen Dämpfer erhalten.

Das Konjunkturbarometer für das zweite Quartal rutschte auf 91 Zähler ab, nachdem es im April noch über der 100-Punkte-Marke gelegen hatte, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zu seinem Indikator mitteilte.

“Die deutsche Wirtschaft findet vorerst nicht aus der Talsohle heraus”, sage DIW-Konjunkturexperte Guido Baldi. “Sie hat zwar bislang die Energiepreiskrise erstaunlich gut überstanden, aber eine kräftige Erholung ist leider nicht in Sicht.”

Aus Sicht von KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib bleibt die Notwendigkeit zur Fachkräftesicherung trotz der Konjunkturschwäche eine große Herausforderung.

Es fehle immer mehr an inländischem Nachwuchs für ausscheidende Arbeitskräfte. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung könne derzeit nur dank der Zuwanderung ausländischer Fachkräfte noch steigen: “Es ist dringlich, alle Register zu ziehen und den Fachkräftemangel durch Maßnahmen zur Produktivitätssteigerung, durch Mobilisierung von Erwerbsfähigen in Deutschland und gezielter Zuwanderung in den Arbeitsmarkt anzugehen.”

(Bericht von Reinhard Becker, Rene Wagner, Reuters TV, redigiert von Christian Rüttger.

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

tagreuters.com2023binary_LYNXMPEJ4U095-VIEWIMAGE

Close Bitnami banner
Bitnami