Europas Anleger nach Lagarde-Rede vorsichtig

Frankfurt (Reuters) – Die Anleger in Europa haben die Unruhe wegen des Söldner-Aufstands in Russland verdaut und richten nun ihren Augenmerk erneut auf die Geldpolitik.

Die Rede von EZB-Chefin Christine Lagarde beim jährlichen geldpolitischen Forum im portugiesischen Sintra am Dienstag sorgte allerdings für keine gute Laune.

Der deutsche Leitindex Dax baute am Vormittag seine anfänglichen Gewinne wieder ab und notierte knapp im Minus bei 15.800 Punkten. Sein europäisches Pendant, der EuroStoxx50, rückte um 0,2 Prozent auf 4288 Zähler vor.

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird laut Lagarde angesichts der weiterhin hohen Inflation von ihrem Straffungskurs vorerst nicht abrücken.

Es sei auch unwahrscheinlich, dass die Währungshüter in naher Zukunft mit absoluter Überzeugung erklären könnten, dass die Leitzinsen ihren Höchststand erreicht haben. Dabei grenze die Hoffnung auf einen baldigen Zinsgipfel der US-Notenbank Fed die Kursverluste ein, sagte Jochen Stanzl, Analyst beim Broker CMC Markets.

Er mahnte allerdings zur Vorsicht. “Die Anleger konzentrieren sich derzeit noch auf die Tatsache, dass die Leitzinsen der Fed vielleicht noch einmal um 25 Basispunkte angehoben werden. Sie ignorieren aber, dass sie bereits im restriktiven Bereich sind und dort auch für längere Zeit bleiben könnten.” Damit dürfte die Angst vor einer Rezession den Aktienmarkt in den kommenden Wochen wieder einholen.

INVERSE RENDITEKURVE VERTIEFT SICH

So wetteten immer mehr Bond-Anleger auf eine tiefgreifende Konjunkturabschwächung.

Der viel beachtete Rendite-Abstand – im Fachjargon Spread genannt – zwischen zwei- und zehnjährigen Bundesanleihen stieg auf 0,844 Prozentpunkte und übertraf damit sein am Freitag erreichtes 31-Jahres-Hoch.

Experten sprechen hier von einer “inversen Renditekurve”, weil üblicherweise kürzer laufende Titel wegen des kleineren Risikos niedriger verzinst werden als Langläufer. Unter Experten gilt eine solche Entwicklung als Vorbote einer Rezession.

Die Ölpreise weiteten unterdessen ihre Gewinne vom Vortag aus.

Für Kauflaune sorgten Versorgungsängste wegen der Unruhen in Russland und die Erwartung einer steigenden Nachfrage nach Autobenzin während der US-Ferienzeit. Die Nordsee-Rohölsorte Brent und die leichte US-Sorte WTI verteuerten sich um jeweils rund ein halbes Prozent auf 74,50 beziehungsweise 69,69 Dollar pro Barrel.

SIEMENS ENERGY SCHLÄGT VORSICHTIGEN ERHOLUNGSKURS EIN

Die Analysten von Goldman Sachs bezeichneten die Marktreaktion auf die jüngsten Probleme bei Siemens Energy als “übertrieben” und hievten damit die Aktie ins Plus.

Die Experten empfehlen die Papiere zum “Kauf”. Die Titel des Münchner Elektro- und Energietechnikherstellers rücken um 3,2 Prozent vor und bauen damit einen Teil der Verluste der vergangenen Tage ab.

Die Aktie ist seit Freitag um mehr als 30 Prozent abgestürzt. Die Probleme bei den bereits installierten Windkraftanlagen an Land sind größer als erwartet.

Gedämpfte Geschäftsaussichten in den USA belasteten dagegen den Dialysekonzern Fresenius Medical Care.

FMC-Aktien fielen am Dienstagvormittag um gut vier Prozent und waren damit größter Verlierer im Nebenwerteindex MDax. In den USA war zuvor bekanntgeworden, dass die Erhöhung der Erstattungssätze für Dialysedienstleistungen durch die staatliche Krankenversicherung Medicare für Senioren wohl geringer als erwartet ausfällt.

Unter Druck gerieten auch die Aktien von Hamborner Reit.

Die Papiere der Immobilienfirma fielen um mehr als sechs Prozent und waren damit Schlusslicht im Kleinwerteindex Sdax. Das Unternehmen erwartet einen Wertrückgang seines Portfolios. Der Verkehrswert des Immobilienportfolios (like-for-like) dürfte zum 30.

Juni 2023 nach derzeitigem Kenntnisstand im Vergleich zum Jahresende 2022 um voraussichtlich 5,5 Prozent bis 6,0 Prozent sinken.

(Bericht von Zuzanna Szymanska. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

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