München (Reuters) – Infineon wettet auf eine anziehende Nachfrage nach modernen Halbleitern für Elektroautos und Solaranlagen und stockt seine Investitionen in sein Werk im malaysischen Kulim massiv auf.
In den kommenden fünf Jahren werde man zusätzlich bis zu fünf Milliarden Euro für den Bau ausgeben, teilte der Konzern am Donnerstag mit – und das, obwohl der Chipmarkt derzeit schwächelt und sich die Lagerbestände bei dem Münchner Unternehmen füllen.
“Es bewegt den Markt, den Bau großer Fabriken anzukündigen”, sagte Infineon-Chef Jochen Hanebeck auch mit Blick auf den Kursrutsch der Aktien an der Börse. “Das ist sicherlich ein mutiger Schritt.” Einfacher sei es, Investitionen in Boomphasen auf den Weg zu bringen.
“Wir glauben aber, dass Siliziumkarbid ein sehr starker Wachstumstreiber ist.”
Bis Ende des Jahrzehnts will Infineon jährlich bis zu sieben Milliarden Euro mit dem Verkauf von Siliziumkarbid-Halbleitern einnehmen und auf einen Marktanteil von 30 Prozent kommen.
Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg: Im laufenden Geschäftsjahr dürften diese Chips gerade einmal 500 Millionen Euro Umsatz einbringen. Die zunehmende Verbreitung von Elektroautos und erneuerbaren Energien treiben das Geschäft an.
Vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts dürfte die Nachfrage stark steigen. Die neuen Anlagen in Kulim sollen ab 2027 in Betrieb gehen. Erst im Februar 2022 hatte Infineon angekündigt, für zwei Milliarden Euro das Werk auszubauen.
SEGMENTERGEBNIS GEHT ZURÜCK
Derzeit bekommt Infineon allerdings die Marktabkühlung zu spüren.
Im abgelaufenen dritten Quartal des Geschäftsjahres bis Ende September erwirtschaftete Infineon Erlöse von 4,1 Milliarden Euro, das ist ein Prozent weniger als im Vorquartal. Das wichtige Segmentergebnis ging um zehn Prozent auf 1,1 Milliarden Euro zurück, die Marge fiel auf 26,1 Prozent nach 28,6 Prozent im Vorquartal.
Für das laufende vierte Quartal sagte Infineon einen weiteren Rückgang der Segmentergebnis-Marge auf 25 Prozent voraus. Hanebeck sagte, die Entwicklung am Halbleitermarkt zeige weiterhin ein gemischtes Bild.
“Einerseits sorgen Elektromobilität und erneuerbare Energien sowie die damit verbundenen Anwendungsbereiche für stabil hohe Nachfrage. Andererseits ist der Bedarf zum Beispiel für Consumer-Anwendungen, wie PCs und Smartphones, nach wie vor gering.”
Für Infineon bedeutet das, dass sich die Lager füllen.
Die Analysten von JPMorgan verwiesen darauf, dass sie fast ein Viertel über dem für die Jahreszeit normalen Niveau seien – das sei zwar besser als bei den Chipherstellern, die sich vor allem auf das derzeit schwächelnde Geschäft mit PCs und Smartphones konzentrierten, aber so voll seien die Lager in den vergangenen 20 Jahren noch nie gewesen.
Die Aktie fiel zeitweise um rund zwölf Prozent und pendelte sich schließlich bei einem Minus von etwa acht Prozent ein – damit war sie Schlusslicht im Dax.
Zu den Aussichten für das kommende Geschäftsjahr äußerte sich Infineon nicht.
Hanebeck verwies der Nachrichtenagentur Reuters gegenüber allerdings auf Prognosen, welche für nächstes Jahr eine Erholung des Consumer-Marktes vorhersagten. “In so einer Zeit wären erhöhte Lagerbestände ein Vorteil”, sagte er.
KUNDENZUSAGEN ÜBER FÜNF MILLIARDEN EURO PLUS VORAUSZAHLUNGEN
Langfristig seien die Aussichten für Infineon günstig zu bewerten, schrieb Stifel-Analyst Jürgen Wagner. Er verwies darauf, dass bereits Kunden für die neuen Chips aus dem erweiterten Werk in Malaysia gefunden seien.
Bei den Autobauern sind es nach Infineon-Angaben unter anderem Ford sowie SAIC und Chery aus China, daneben SolarEdge sowie drei führende chinesische Photovoltaik-Hersteller. Insgesamt seien Kundenzusagen in Höhe von fünf Milliarden Euro sowie eine Milliarde Euro Vorauszahlungen eingegangen.
Hanebeck setzt nach eigener Aussage bei seiner Investitionsentscheidung vor allem auf Kostenvorteile, welche die Produktion in Malaysia hat. Staatliche Subventionen könnten langfristig die höhere Kosten in der Europäischen Union oder den USA nicht ausgleichen, betonte er.
“Viele Wettbewerber werden jetzt nachrechnen, ob sich die Investition in Siliziumkarbid noch lohnt.” Zuletzt hatte unter anderem der US-Chiphersteller Wolfspeed mit staatlicher Unterstützung den Bau einer Fabrik für diese Chips im Saarland angekündigt.
Bosch übernahm eine entsprechende Fabrik in den USA.
In Kulim entsteht nach Infineon-Angaben die weltweit größte Fabrik für Siliziumkarbid-Leistungshalbleiter auf 200 Millimeter-Wafern. Das Unternehmen verspricht sich von der erweiterten Anlage – zusammen mit dem Werk im österreichischen Villach – jährliche Erlöse von sieben Milliarden Euro.
SiC-Halbleiter kommen vor allem dann zum Einsatz, wenn es etwa um das schnelle Laden von Elektroautos oder den Betrieb von Windrädern geht.
(Bericht von Christina Amann; redigiert von Sabine Wollrab.
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