Zinssorgen drücken Europas Börsen auf Sechs-Monats-Tiefs

Frankfurt (Reuters) – Die Stimmung an Europas Börsen bleibt angeschlagen.

Nach dem schwachen Wochenstart gab der Dax am Dienstag ein Prozent auf 15.255 Punkte nach, der EuroStoxx50 verlor ebenso stark.

Beide Börsenbarometer lagen damit auf ihrem tiefsten Stand seit sechs Monaten. “Die Börsen müssen sich auf hohe Zinsen für längere Zeit einstellen”, begründete Jochen Stanzl vom Brokerhaus CMC Markets die Risikoscheu der Anleger.

Auch an den US-Börsen drückten die Zinsaussichten die Kurse.

Vor dem bald endenden Haushaltsjahr in den USA fingen die Anleger zudem an, sich Gedanken um einen möglichen Regierungsstillstand zu machen. Sollten sich das von den Republikanern kontrollierte Repräsentantenhaus und der von den Demokraten geführte Senat nicht einigen, droht dieses Szenario zum vierten Mal innerhalb eines Jahrzehnts.

Nervös machte die Anleger, dass die Ratingagentur Moody’s einen erneuten Haushaltsstreit als negativ für die Bonität des Landes ansieht.

Als Bremsklotz für den Aktienmarkt machten Börsianer auch Chinas Wirtschaftsflaute samt drohender Immobilienkrise aus.

In den Fokus rückte erneut der unter einer milliardenschweren Schuldenlast ächzende chinesische Immobilienkonzern Evergrande. Die Aktien rutschten um acht Prozent ab, nachdem die Tochterfirma Hengda Real Estate eine am Vortag fällige Anleihe in Höhe von umgerechnet knapp 520 Millionen Euro nicht bedient hatte.

EURO AUF MEHR-MONATS-TIEF – ANLEIHERENDITEN STEIGEN

Trübe Konjunkturaussichten hierzulande sorgten bei den Anlegern ebenfalls für lange Gesichter. Die führenden Forschungsinstitute haben Insidern zufolge ihre Konjunkturprognose für die deutsche Wirtschaft gesenkt und rechnen mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr um 0,6 Prozent.

Im Frühjahr war noch ein Wachstum von 0,3 Prozent erwartet worden. Der Euro notierte 0,2 Prozent tiefer bei 1,0567 Dollar und lag damit so niedrig wie seit sechseinhalb Monaten nicht mehr.

Die zuletzt gestiegenen Renditen bei festverzinslichen Anleihen lockten indes immer mehr Anleger in die Bondmärkte, sagte Jürgen Molnar, Stratege bei RoboMarkets.

Auch der Geldmarkt werde zu einem immer attraktiveren Parkplatz für risikolos angelegtes Kapital. “Da muss man sich wenigstens um eine drohende Rezession und fallende Unternehmensgewinne keine Gedanken machen.” US-Staatsanleihen erzielen Renditen wie seit der globalen Finanzkrise 2007/2008 nicht mehr.

Die Rendite der Papiere mit zehn Jahren Laufzeit stieg am Dienstag auf bis zu 4,566 Prozent und damit auf ein 16-Jahres-Hoch.

IMMOBILIEN-UND LUXUSSEKTOR UNTER DRUCK

Konjunktur- und zinssensible Werte aus dem Auto- und Immobiliensektor hatten am Aktienmarkt das Nachsehen.

Vonovia waren mit einem Abschlag von rund 5,2 Prozent das Schlusslicht im Dax. Im MDax geben Aroundtown Properties und TAG Immobilien 9,7 und 7,8 Prozent nach. Papiere von Porsche, und Mercedes verloren zwischen 1,4 und dreieinhalb Prozent.

Aktien von Luxuskonzernen mit Geschäftsschwerpunkt China mussten ebenfalls Federn lassen.

LVMH, Kering, Richemont und Moncler gaben bis zu 3,5 Prozent nach. Die Anleger machten sich aufgrund der enttäuschenden Erholung nach der Pandemie in China und der schwächelnden Umsätze in den USA zunehmend Sorgen über die Aussichten des Sektors.

Ein Umsatzrückgang im vierten Quartal machte dem britischen Online-Modehändler Asos zu schaffen, dessen Titel in London um rund 1,5 Prozent fielen. Asos macht unter anderem die wachsende Konkurrenz durch Billigmarken wie Shein zu schaffen.

(Bericht von Anika Ross, Stefanie Geiger, redigiert von Birgit Mittwollen.

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte)

tagreuters.com2023binary_LYNXMPEJ8P049-VIEWIMAGE

Close Bitnami banner
Bitnami