Geschäftsklima trüb wie zu Corona-Zeiten – “Schlechter Start ins Jahr”

– von Reinhard Becker und Rene Wagner und Klaus Lauer

Berlin (Reuters) – Die Stimmung in den deutschen Chefetagen ist zu Jahresbeginn so trüb wie zu Corona-Zeiten und verstärkt die Rezessionssorgen.

Das Ifo-Geschäftsklima sank im Januar auf 85,2 Zähler von 86,3 Punkten im Vormonat, wie das Münchner Ifo-Institut am Donnerstag zu seiner Umfrage unter rund 9000 Führungskräften mitteilte.

Dies ist der niedrigste Wert seit Mai 2020, als die Corona-Pandemie die Wirtschaft im Klammergriff hielt. Von Reuters befragte Experten hatten für Januar mit einer Aufhellung gerechnet. Doch es machte sich mehr Pessimismus breit – mit Blick auf die aktuelle Geschäftslage und die Aussichten für die kommenden Monate.

Besserung ist damit nicht in Sicht, nach einem rabenschwarzen Jahr für die Bauwirtschaft und auch für den Onlinehandel. “Die deutsche Wirtschaft steckt in der Rezession fest”, so das Fazit von Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Die Umfrage deutet laut dem Ifo-Experten Klaus Wohlrabe daraufhin, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal leicht schrumpfen dürfte – um 0,1 oder 0,2 Prozent.

Die Unsicherheit in den Chefetagen habe zu Jahresbeginn deutlich zugenommen. Dies sei vor allem auf den wirtschaftspolitischen Kurs in Deutschland zurückzuführen. “Die Unternehmen sehen keine klare Linie in der Wirtschaftspolitik”, sagte Wohlrabe.

Zuletzt hatte der Arbeitgeberverband BDA der Ampel-Regierung in der Mitte der Amtszeit ein schlechtes Zeugnis ausgestellt.

Die Unternehmen hätten das Vertrauen in die Koalition aus SPD, Grünen und FDP verloren, sagte Arbeitgeber-Präsident Rainer Dulger in Berlin und fügte hinzu: “Es muss jetzt endlich was passieren.” Die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft müssten besser werden und insbesondere Bürokratie abgebaut werden.

Das BIP war im vergangenen Jahr um 0,3 Prozent geschrumpft und damit erstmals seit dem Corona-Jahr 2020.

Kein anderes großes Industrieland hat sich 2023 schlechter geschlagen als die größte Volkswirtschaft der Euro-Zone.

Die Wirtschaftsleistung wird laut der jüngst aktualisierten Prognose des Ifo in diesem Jahr voraussichtlich nur um 0,7 Prozent zulegen, auch gebremst vom Sparkurs der Bundesregierung.

Einige Experten sind noch deutlich pessimistischer als die Münchner Forscher und rechnen für 2024 mit einer Fortsetzung der Talfahrt – so auch Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer, der ein erneutes Minus von 0,3 Prozent auf dem Zettel hat: “Die meisten Volkswirte sind noch zu optimistisch.” Der deutliche Rückgang des Ifo-Index markiere einen schlechten Start ins neue Jahr.

Nur im Verarbeitenden Gewerbe hellte sich die Stimmung im Januar auf.

Die Unternehmen waren etwas zufriedener mit ihren laufenden Geschäften. Die Erwartungen verbesserten sich ebenfalls, blieben aber pessimistisch. Bei den Dienstleistern, aber auch im Handel und im Bauhauptgewerbe ging es mit der Stimmung bergab.

NACHFRAGE IM WOHNUNGSBAU SCHWINDET

Die deutsche Baubranche steckt tief in der Misere: Sie hat im November den dritten Monat in Folge weniger Aufträge an Land gezogen.

Das Neugeschäft im Bauhauptgewerbe schrumpfte inflationsbereinigt (real) um 7,4 Prozent zum Vormonat, wie das Statistische Bundesamt mitteilte.

Die Entwicklung der Aufträge verlief zuletzt zweigeteilt.

Das Neugeschäft im Tiefbau, wozu beispielsweise der staatlich dominierte Straßenbau zählt, nahm im November stark ab: Es schrumpfte um 15,1 Prozent zum Vormonat. Der Hochbau – der vor allem durch den Wohnungsbau geprägt und überwiegend von der privaten Nachfrage abhängig ist – meldete hingegen ein Wachstum von 1,6 Prozent.

Im Wohnungsbau allein gab die Nachfrage allerdings nach, und zwar um 6,8 Prozent. “Eine besorgniserregende Entwicklung”, sagte dazu der Hauptgeschäftsführer der Bauindustrie, Tim-Oliver Müller.

“Nicht nur für die Bauunternehmen, sondern auch für die Menschen, die dringend eine Wohnung suchen.”

Auch der Onlinehandel klagt über schlechte Geschäfte: Das Rezessionsjahr 2023 brockte ihm ein Rekord-Umsatzminus ein.

Die Erlöse mit Waren sanken – erstmals überhaupt zweistellig – um 11,8 Prozent auf 79,7 Milliarden Euro, wie der Branchenverband bevh mitteilte: “Wir erwarten, dass die Talsohle im deutschen E-Commerce im Laufe des Jahres erreicht wird”, sagte bevh-Präsident Gero Furchheim.

(redigiert von Kerstin Dörr Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

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